In den Siebzigern und Achtzigern wurde uns oft vorgegaukelt, wir wären zehn mal einen Zentimeter vorwärts gekommen. Hinter den Kulissen jedoch ging es kontinuierlich kilometerweise zurück. Was ist mit den großen gesellschaftlichen Phänomenen wie Sexualität und Glaube passiert? Was ist aus ihrem revolutionären Ideengut geworden, als die Achtundsechziger als Vorstände und Politiker ihre ersten praktischen Gehversuche unternahmen? Dass daraus ein Scheißdreck geworden ist, ist noch gelinde ausgedrückt. Bequem“ und
‚unkompliziert’ sollten Sexualität und Glaube werden, ohne die Väter und die
Priester, ohne die widerwärtige Autorität. Doch als es die Sexualität weiterhin strikt
ablehnte, sich als bequem und unkompliziert zu präsentieren und unsere Herren Politiker allmählich selbst
das Alter von Impotenz und Prostatakrebs näher kommen sahen, da lenkten auch
sie ein und griffen wieder zur altbekannten Peitsche. Natürlich nicht, weil
meine Altersgenossen ihr Unrecht einsahen. Und Gott sei Dank tauchten gerade rechtzeitig
genug die nötigen Blitzableiter auf. Aids, der Pädophile. Der Pädophile – der
hieß bei mir in der Schule noch‚ Religionslehrer’. Religion. Ach ja, die Religion. Jede Sekte und jeder Guru-Heini waren erlaubt. Also warum nicht auch der offizielle Glaube? Während der Glaube mit seiner Folter, seinen Ritualen und seinen Tempeln allmählich verschwand, nahm die Anzahl der gläubigen Gartenzwerge stetig zu. Geblieben ist die egozentrische Überzeugung, Religion diene einzig und allein der Bequemlichkeit und dem Wohlbefinden. Die unaufhörlich
unüberlegte Absonderung halbfertiger Ideen meiner Generation führte schließlich
dazu, dass wir heute in einer Welt leben, die wieder verkrampft mit
ihrem Gauben und ihrer Sexualität umgeht. Etwas Verkrampfteres als
Bequemlichkeit gibt es Manchmal wäre es
wünschenswert, für alle meine Altersgenossen die sich Die Bildung. Was für eine gnadenlose Verwüstung wurde da angerichtet! Darüber wurde bereits genug gemeckert. Die totale Vernichtung scheint unabwendbar, solange nicht der letzte hoffnungsvolle '68er endgültig vom Erdboden verschwunden ist. Ich weise lediglich noch auf die Folgen unseres Umgangs mit der Geschichte und der literarischen Tradition hin. Ich weise darauf hin, dass es meine Generation war, die an Universitäten und in Unternehmen damit begonnen hat, das Niederländische durch das Englische zu ersetzen. Sie hatte dafür wohlklingende Vorwände. Auch der Entwicklung von Umwelt und Landschaft brauchen wir nur unser Augenmerk zu schenken. Wir leben mitten in dem erschütternden Beweis, dass hier eine ganze Generation kriminell und gleichgültig am Werke war. Schrotthändler und Architekten wurden zu Blutsbrüdern, und die Politik hielt ihnen den Rücken frei. Auch in diesem Fall sorgten die Ideale meiner Generationsgenossen für hohle Legitimation. Sterbt, alte Werte. Weg mit der elitären Vergangenheit. Wir sprachen von größeren Zusammenhängen wie Demokratie, Privatsphäre, Sexualität, Feminismus, Glaube, Bildung, Umwelt und Ästhetik. Aber die wahre stille Revolution war die Auslieferung an den Kommerz. Meine fleißigen kleinen
Verwalterchen wurden sehr bald selbst zu Verdienern und Subventionsvertilgern.
Eines Tages hatten sie den Staatshaushalt wie einen Kuchen aufgeteilt: ein
kleines Stück für die Kultur, ein kleines Stück für die Umwelt, den Großteil
jedoch für ihre eigene Maschinerie. Sie hatten sehr wohl Verständnis dafür,
dass auch andere daran mitverdienten. Man hätte sie nicht wirklich Zuhälter
nennen können, Neue Zeiten - neue Möglichkeiten. Es waren vor allem die
Medien, die auf der Hochzeit meiner Freunde und dem Neo-Kapitalismus tanzten.
Die Medien waren leicht zugänglich, dort konnten sie ihren Guck an! Eine Menge Menschen hockt vorm Fernseher. Und nun stelle man sich vor, wie die Herren Unternehmer aus der Unterhaltungs- und Ramschindustrie sich jahrelang den Kopf darüber zerbrachen, wie man diese Massen zu Geld machen könnte. Dabei schliefen sie beinahe ebenso unruhig wie der Nagellackfabrikant, der an sämtliche Finger Chinas denkt. Die Massen sitzen vor dem Ding, das Ding gibt Licht und Ton von sich, aber das bedeutet noch lange nicht, dass zwischen den beiden ein Geldstrom fließt. Eigentlich hat das ganze Geschehen überhaupt nichts mit Geld zu tun. Das Ding strahlt und flimmert umsonst, es kann betteln, soviel es will – bleibt die Masse unberührt, kann es keine Sanktionen verhängen. Eine Sache ärgert die Händler jedoch am allermeisten: Das Ding hat keinen Geldschlitz. Jahrelang blieben wir in dem Zustand gefangen, dass ein totes Ding gebannt auf ein anderes totes Ding starrte. Vor lauter Beschaulichkeit und Passivität war die Luft zwischen dem heiligen Glotzaltar und der Masse Mensch zum Schneiden dick geworden. Zwischen ihnen entstand nichtsdestotrotz eine ungeheuerliche Dynamik, mit Geld als einziger Triebfeder. Für dieses Wunder, zwischen Fernsehen und Zuschauer einen Geldstrom erzeugt zu haben, gebührt meiner Generation jeder Ruhm und jede Ehre. Etliche Lügen musste man sich dafür ausdenken. Es galt jeglichen Verdacht, auf einen Zusammenhang zwischen dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk und nachhaltiger Bildung (ein altes Steckenpferd der Revolution), auszuräumen. Nirgendwo sonst halfen Verwaltung und Politik so bereitwillig mit, wie bei der Anprangerung der kreativen, spielerischen und edukativen Inhalte unserer Fernsehprogramme. Einmal an die Schießbudenbetreiber verscherbelt, sind die Kanäle nun für immer verstopft und schutzlos der Willkür ihrer neuen Besitzer ausgeliefert. Joop van den Ende* erhielt dafür von den Führungsleuten eine Königskrone. Es war, als ob man einen Haufen Scheiße vergoldet. * Niederländischer Theater- und Fernsehproduzent. 1993 entsteht aus einer Fusion zwischen Van den Ende und John de Mol Endemol Entertainment (Big brother etc.). Das Unternehmen ging 1996 an die Börse und wurde 2000 von der spanischen Telekommunikationsgesellschaft Telefónica gekauft. |