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Die Entwicklung von der Trauerröhre zur Terrorröhre ist für den Verrat und die verräterischen Nachwehen meiner Generation geradezu exemplarisch. Nirgendwo sonst waren die Intellektuellen von '68 so hilfreich. Ihre Theorien über hohe und niedere Kultur kamen plötzlich wie gerufen. Ursprünglich entwickelt, um die Auseinandersetzung mit anspruchsloser Lektüre und Massenunterhaltung aus dem Folkloresumpf zu befreien und in die seriöse Sektion der Sozialwissenschaften hinüberzuretten. Die Politik bediente sich nur allzu gerne des vagen Gequassels typischer Sechzigerjahre-Theorien. Erst kam die schöne Idee, den Begriff „Opportunismus“ durch „Pragmatismus“ zu ersetzen, dann wurde verkündet, die Unterscheidung in Rechts und Links sei hinfällig. Davon machten die Politiker sehr bald bereitwillig Gebrauch. Einfach so, weil es ihnen sehr gelegen kam. Die Krönung aber war die Behauptung, die Grenze zwischen oben und unten wäre verschwommen. Das veranlasste einige Politiker doch tatsächlich dazu, Hohes mit Niederem gleichzusetzen. Einfach so. Weil es ihnen gelegen kam. Und weil man gut daran verdienen konnte. 

Die große Lüge der Gleichberechtigung von hoher und niederer Kultur hat einzig und allein dazu geführt, dass im Boxkampf zwischen Anspruch und Entertainment das billigste Entertainment siegen konnte. 

Großen Dank meiner Generation auch. Sie begleitete nicht nur den Ausverkauf der letzten Überreste an Zivilisation, sie verabschiedete sich ebenfalls von der Idee, Kultur –
in welcher Form auch immer – als hohes Gut zu sehen. Wie zum Selbstzweck, führte sie eine stille Kampagne. Eine Kampagne, die Wörter wie 'elitär' verhöhnte. Dies gelang nicht
zuletzt dadurch, dass die Intellektuellen, die Parteiphilosophen und die soziologisch gefärbten
 Thinktanks (eher Nadelhülsen als Tanks) so engagiert daran teilnahmen. 

Ich habe sie damals auf den Barrikaden stehen sehen, mit geballter Faust und  diffusem Glanz in den Augen. Ich habe sie später kriechen sehen und rascheln hören. Und ich ahnte, was ihre Augen damals sahen. Eine fette, bürgerliche Zukunft für sich selbst, ohne den Ballast der Kultur. Eine glückselige Zukunft der Raffgier und der Machtgeilheit und faules Debattieren über ein ewigwährendes Nichts. 

Älterwerden kennt kaum Überraschungen. Doch es war gewiss eine Überraschung, als ich auf der Straße zum ersten Mal von einem Polizisten zurechtgewiesen wurde, der jünger war als ich. Danach wurden auch mein Arzt, mein Notar und mein Anwalt jünger. Und der Höhepunkt all dieser Überraschungen? Der zeigte sich, als plötzlich einer meiner Altersgenossen zum Präsidenten von Amerika gewählt wurde. Ein Schock, der seinesgleichen sucht. Selbstverständlich war es ein Präsident, der die Unterhaltung besonders schätzte.
Mehr als alles andere, hatte er sich seine studentischen Plaudereien gemerkt, weil sie so geschickt die Armut seiner Ideen versteckten und seine sexuelle Befreiung trug er bis ins Oval Office hinein. Blasen im Büro – warum auch nicht! Heute sammelt er Vorschüsse von Medienhaien. Ein Kind seiner Zeit, ein zuckersüßer Verräter. Die Mantras vom Mai 1968 sind noch immer nicht verhallt. 

Nur durch den Mai 1968 lässt sich erklären, weshalb man in den Niederlanden Pim Fortuyn für jemanden hielt, der den Augiasstall der Politik kurzerhand ausmisten würde. In Wirklichkeit war er ein repräsentativer Achtundsechziger, ein waschechter Vertreter des Quasi-Marxismus, ein typischer Altersgenosse von mir, ein vorbildlicher Verräter.
Er versuchte uns glauben zu machen, ein kritischer Neuling in unserem allzu strukturierten und verfeinerten Netzwerk aus Abhängigkeiten, Entschädigungssubventionen, Kontrollwahn und Bürokratie zu sein. Mit seinen halbherzigen Talenten und seinem Unterhaltungswert war er gerade
 das Ergebnis all dessen. Er konnte, wie alle nach oben gefallenen Jungs der Revolutionszeit, vorzüglich schauspielern – als ob er das Rebellische noch im Blut hätte. 
Es war nicht mal ein Trick – es war Routine. 

Unterdessen wähnte er sich schon an der Macht. Einmal mit ihr bekleidet, wäre er zu jedem Kompromiss, zu jedem Verrat bereit gewesen. Um sein Ziel zu erreichen, führte er eine beispiellose Medienshow auf – dreißig Jahre Verrat im Schnelldurchlauf. Die Herren Berichterstatter folgten wie Hündchen. Er beherrschte bereits List und Tücke derjenigen, unter deren Decke er später kriechen würde. Hätte er überlebt, wäre er als verloren geglaubter Sohn heimgekehrt. 

Meine ganze Generation ist mit Geschick und List an die Macht gekommen. Alle meine Altersgenossen, die nach ' 68 den Einstieg in die Politik und in das öffentliche Leben versuchten, gehörten schon vor der Zeit zu den Angepassten. Anfangs fand man es charmant, als sie in die Politik gingen, waren es kleine Siege für die Bewegung, small steps. Schritt für Schritt, so dachte man, würde diese Avantgarde in unserem Namen der bösen Welt zeigen, was sich gehört – und was nicht. Die Wunschvorstellung an der Macht. Der lange Marsch durch die Institutionen. 

Neue Besen kehren gut. 

Idealisten müssen letztlich immer klein bei geben. Kein Mensch kann vor seinen eigenen Schwächen davonlaufen. Trotzdem ist Verrat in diesem Fall das richtige Wort. Meine Generationsgenossen sahen sich nicht nur mit praktischen Gegebenheiten und der Trägheit des Systems konfrontiert, sie arbeiteten zeitgleich zielsicher und begeistert daran mit, die Grenze zwischen high society und Landeiern zu wahren, gar zu verstärken, um Demokratie zu untergraben und Finanzen zur Götze zu erklären. 

Erwiesenermaßen benahmen sie sich wie ein Chamäleon, im hartnäckigsten und strengsten Sinne des Wortes nahmen sie die Farbe ihres Gegners und ehemaligen Feindes an. Dann täuschten sie vor, noch immer die Farben der Revolutionäre zu tragen die sie verkörperten oder für die sie gehalten wurden. 

Natürlich sind sie nicht an allem selbst Schuld. Einflüsse von außen, die unaufhaltsamen Wellen der Geschichte, Zufälle und Katastrophen, es gab sie. Aber viel zu oft nickten sie zustimmend, schlossen ihre Augen, und machten ihrem Ursprung, dem Geist ihrer Väter, ein Zugeständnis nach dem anderen. Viel zu oft krähte der Hahn.*

Wenn sie sich dann doch einmal auf ihre Jugendideale besannen, dann nur rein theoretisch. Der eigene Ursprung wurde zu gern als Deckmäntelchen missbraucht. Nichts von ihrem anfänglichen Elan fand sich in ihren Taten wieder. Unsere Revolutionäre (meine Stammtisch-, Studien- und Tanzfreunde von damals, und, nebenbei bemerkt, die Objekte meiner sexuellen Träume) wurden zufriedene Regenten, sehr selbstzufrieden meistens. 

Die verspielte Seite von '68 verschwand oder schlug um, in die Lobhudelei eines Alles-geht-und-alles-gefällt-uns. Diejenigen, die nicht mitmachen und ihrem ursprünglichen Geist treu bleiben wollten, galten als gescheitert. Die wahren Gescheiterten aber machten sich sogleich auf dem Thron breit.  

Hat irgendjemand behauptet, dass Geschichte gerecht ist? 

Und jetzt findet ein Revival der sechziger Jahre statt. Das ist abartig. Dass dieses Comeback einem bis zur Unkenntlichkeit zerkochtem Eintopf gleicht (wie alle historischen Rückblenden und musikalischen Historiographien, die sie im Fernsehen zusammenschustern) ist an sich schon eine 'Errungenschaft' der sechziger Jahre.
Die Verfälschung der Geschichte hat bereits vor langer Zeit begonnen. Weil die Geschichte durch die Joop van den Endes geschrieben wurde. 

Die Sechzigerjahre wurden zu einem Produkt. Genau genommen, waren sie das schon immer. Einem Produkt, gut geschützt vor den Hauptschuldigen, geschützt vor jedem,
der mit
 einem mahnenden Finger darauf zeigen wollte. 
Ich aber zeige mit all meinen zehn Fingern darauf. 

Ich fühle mich von meinen Generationsgenossen verraten. Ich bin in einer Generation von Verrätern aufgewachsen. Ich bin Teil einer Generation, die die Welt das erste Mal seit Jahrhunderten hässlicher zurück lässt, als sie sie vorgefunden hat. 

Nichts von Format, nichts mit Stil, nicht mal eine große Geste brachte sie zustande. 

All das hier ähnelt mitunter einem Klagelied. Klagelieder anzustimmen ist eigentlich nicht meine Art. Es war ja auch nur der Bericht eines Albtraums, keine wissenschaftliche Abhandlung. 
Der Bericht eines Albtraums, der einst als Traum begann.

 

Gerrit Komrij


* Der rote Hahn ist ein Symbol der niederländischen Sozialdemokratie. 

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