Neid
Der Neid, das wissen wir alle, ist grün und gelb. Vor allem aber
wissen wir eines: jeder ist damit behaftet, nur wir selbst nicht. Es gibt keinen
anderen Makel, den wir so voreilig und bei den unterschiedlichsten Anlässen
einem anderen unterstellen, wir selbst jedoch sind immer erstaunlich frei
davon.
Habgier, Prahlerei, Geiz, Verschwendungssucht, schlechte Laune,
gute Laune – bei den Anderen heißt das alles Neid. Neid bei uns selbst ist –
eine Verstimmung, eine Grille, sonst nichts, eine kleine Schrulligkeit, ein zu
vernachlässigender Fall von Unbehagen, von Verstopfung.
Geben wir zu, dass uns der Neid doch einmal plagt, dann scheinen
sich um ihn herum plötzlich lauter noble Sentimente zu sammeln. Wir sind
neidisch auf ein großes Talent von irgendjemandem, auf dessen Schönheit, dessen
Fleiß oder auf dessen Gedächtnis. Nicht, dass wir dieses Talent oder jene
Schönheit selbst besitzen wollten – wir sind ehrlich gesagt viel zu faul dafür
oder zu eingenommen von unserer Visage. Nein, wir wollen nur zeigen: Wir sind
nicht von der Straße und sehr wohl in der Lage, Zivilisation oder etwas
Ästhetisches zu erkennen.
So beneiden wir jemanden mit dem Gedächtnis eines Elefanten auch
nicht wirklich – wir zollen diesem Vermögen nur den, ihm gebührenden Tribut.
Eine Höflichkeitsverneigung, und danach – dösen wir innig zufrieden mit der
Kürze unseres Gedächtnisses weiter. Eine Bequemlichkeit, die am liebsten alles
beim Alten lässt.
Dass uns
die gierende Missgunst an die Gurgel springt würden wir niemals zugeben, wenn
es um banale und ordinäre Dinge geht. Um Situationen, in denen wir insgeheim
sehr wohl eine Verbesserung für uns sehen könnten – mehr Geld, einen Sportwagen,
ein größeres Haus, eine Frau ohne Dauerwelle und Emma-Abo, kurzum: Nicht nur
ein paar Gramm, sondern gleich ein paar Tonnen mehr. Wir erwecken zu gern den
Anschein, wir würden dem Anderen sein Hab und Gut wie Ferrari, Landhaus und
bildhübsches Mädel von ganzem Herzen gönnen, oft im Schlepptau eine Floskel
nach der scheinheiligen Devise, wir könnten das Glitzern, den Schein, sehr
wohl ertragen.In Wirklichkeit gönnen wir dem Anderen das Schwarze unter dem
Fingernagel nicht. Am liebsten sähen wir es, wie ein Lavastrom seine
Geldscheine, ein umgewehter Baum seinen Ferrari, eine Springflut sein Landhaus
und ein zuckender Blitz seine Geliebte träfe, um ihm im Anschluss noch so etwas
Entzückendes wie sauren Regen, Schirokko, Donnerköpfe, Wolkenbrüche und
Staublawinen – eben einen höllischen Cocktail meteorologischen Unheils – an den
Hals zu wünschen. Nur im Stillen, das versteht sich von selbst – lieber würden
wir uns die Zunge abbeißen, als offen zu bekennen, wie neidisch wir sind.
Und die schrecklichste Form von Neid, jener in der Liebe, ist die
Eifersucht.
Und wir wären schön dumm, daran öffentlich herumzudoktern, wo wir
doch modern, aufgeklärt, fortschrittlich und emanzipiert erzogen sind – das
gehört sich einfach nicht! Man muss schon ein absoluter Volltrottel der Alten
Schule sein, um nicht mit einem Schulterzucken über den Geschlechtsverkehr
zwischen einem geliebten Menschen und seinem Erzfeind hinweg zu sehen.
Egal wie man es dreht und wendet, für Neid und Eifersucht sollte
man sich eigentlich schämen. Ob es sich hier nun um das Begehren von fremden
Besitztümern oder um die Missgunst dem gegenüber, was man für sein Eigen hält,
handelt, ist beliebig.
Man sollte die Eifersucht nie als treibende Kraft anpreisen –
höchstens als eine Schrulligkeit vorübergehender oder sekundärer Art, einen
Tick, wie Stottern oder eine permanente Rotznase.
Unterdessen
sitzt jener grün-gelbe Raubvogel auch auf deiner Schulter und grinslacht. Er
weiß, was für eine Narrenkappe auch immer du ihm aufsetzt, eines Tages wird er
dir seine Krallen in den Hals schlagen und sich über jene Komparsenrolle, die
du ihm befohlen hast, hinwegsetzen. Er wird triumphieren, wie der König aller
Tragödien.